Wer jetzt einsteigt, muss flexibel bleiben
Karrierewege. In der Immobilienbranche wandeln sich die Berufsbilder und die Nachfrage nach Experten für einzelne Themen. Nachwuchskräfte müssen beim ersten Job deshalb Abstriche machen, wenn es um die genauen Aufgaben geht. Langfristig bringt das aber Erfahrungen, die in der weiteren Karriere zu Schlüsselkompetenzen werden können.
Als einen „Spagat“ bezeichnet Thomas Glatte die Entscheidung, zwischen einem Schwerpunktthema zum Ende des Studiums und einer breiten generalistischen Ausbildung für den Einstieg in die Immobilienbranche. „Die Frage, womit man bessere Karten bei der Jobsuche hat, wird mir von meinen Studenten immer wieder gestellt, vor allem wenn der Abschluss näherrückt. Doch sie ist nicht leicht zu beantworten.“ Denn seine Antwort ist nicht nur von seiner Funktion als Professor für Immobilienwirtschaft an der Hochschule Fresenius geprägt, sondern auch von seiner Arbeitgebersicht als CEO bei der Immobiliengruppe Rhein-Neckar (IGRN).
Aus dieser sagt er: „Wer als Absolvent breit aufgestellt ist, hat zu keinem Thema Wissen, das wirklich in die Tiefe geht.“ Ein Fokusthema sollte gerade gegen Ende des Studiums also doch vorhanden sein. Aber das bedeute nicht, dass es die gesamte Berufslaufbahn prägt. „Eine Karriere muss Schritt für Schritt aufgebaut werden. Das verlangt gerade am Anfang Flexibilität“, sagt Glatte. Als Beispiel nennt er den Traumberuf in der Projektentwicklung. Mit diesem Ziel seien vor drei bis vier Jahren viele ins Studium gestartet, ebenso mit dem Wunsch, strategisch zu arbeiten. „Doch genau hier ist der Einstieg schwerer denn je. Wer direkt nach dem Abschluss in den Job will, muss damit rechnen, erst einmal in einem anderen Feld zu starten“, sagt Glatte.
Erfahrungen bauen aufeinander auf
Gern gesehen seien Einsteiger derzeit im Property-Management. „Und dort lässt es sich tatsächlich gut starten“, so Glatte. Weil sich die Arbeit an der Schnittstelle zwischen Mieter und Eigentümer abspielt, kommen schnell operative Erfahrungen zusammen. „Und wer über das Operative reden kann, qualifiziert sich nach einigen Jahren auch für strategische Aufgaben und Entscheidungen.“
Von 480 Teilnehmern der diesjährigen IZ-Arbeitsmarktumfrage gab nur etwa jeder Zehnte an, seine ersten fünf Jahren in der Branche dazu nutzen zu wollen, die Berufswelt als solche kennen zu lernen. 18,5% suchen nach einem genaueren Überblick über die Branche, also ihre Felder und Arbeitgeber. Rund 35% wollen vom Start weg an einer fachlichen Karriere arbeiten und weitere 35% den Grundstein für eine Führungskarriere legen.
Vor diesen Erwartungen warnt Christoph Hartmann, Managing Partner der Personalberatung Deiniger. „Im Gegensatz zu anderen Ländern wie den Beneluxstaaten oder Großbritannien verlaufen Karrieren in Deutschland langsam. Erste Verantwortung, vor allem Führungsverantwortung, wird von vielen erst mit Ende 30 übernommen.“ Nur an Titeln und Verantwortung sollten sich junge Branchenteilnehmer deshalb nicht messen. Punkten können sie laut Hartmann stattdessen, indem sie Trends früh erkennen und lernen, ihre Fähigkeiten auf neue Themen anzupassen. Im Moment stehe laut dem Personalexperten neben dem Thema Defense auch das Feld Infrastruktur ganz oben. „Wenn man an Flughäfen oder Datacenter denkt, die geplant, gebaut und betrieben werden müssen, ist die Abgrenzung zur Immobilienwirtschaft oft schwierig. Aber der Trend bringt viele neue Möglichkeiten. Makler können Akzeptanz für solche Bauten schaffen oder kommen zum Einsatz, wenn es um die Landakquisition geht“, nennt er konkrete Beispiele.
Nicht selten werden bei Schwerpunktwechseln Fortbildungen nötig, oder zumindest das Einarbeiten in ein Thema, das im Studium keinen Vorrang hatte. An der Akademie der Immobilienwirtschaft (ADI) wurde der berufsbegleitende Diplom-Immobilienökonom diesen Trend bereits angepasst. „Flexibilität ist im Bildungswesen gerade alles“, sagt Head of Sales und Akademiedirektorin Regina Bohla. „Viele, die von einem Studium in Architektur, der Stadtplanung, als Ingenieur oder als Quereinsteiger in die Branche kommen, müssen die Grundlagen der Immobilienwirtschaft noch nachholen. Ihnen fehlt ein umfassendes Studium, um in jedem Thema einen Anknüpfungspunkt aufzubauen.“
Während vor einigen Jahren noch tiefgehende Fortbildungen zu ESG-Themen besonders stark gebucht wurden, hat die ADI diese Felder inzwischen in die Module des umfassenden Studiengangs eingebaut. „Immer mehr lassen sich häppchenweise fortbilden“, sagt Bohla, „sie belegen dann nur einzelne Module und schaffen sich das Wissen nach und nach drauf.“ Möglich sei dies, weil die Bildungsangebote auf ein didaktisches Konzept setzen, das klassischen Präsenzunterricht mit Online-Lernphasen kombiniert, „und auch, weil in der aktuellen Konjunktur Freistellung an festen Tagen für ein berufsbegleitendes Studium nicht mehr gerne von den Arbeitgebern gesehen wird“, so Bohla.
Sich dennoch hin und wieder auf dem Campus blicken zu lassen, bleibt trotzdem der Rat, den Bohla immer wieder gibt. „So kommt man mit Kommilitonen in Kontakt und kann sich im persönlichen Austausch nicht zuletzt auch neue Ideen für den eigenen Karriereweg einholen.“
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