Fünf Wohnungen, fünf Azubis - und 100.000 Euro
Die Auszubildenden zum/r Immobilienkaufmann/-frau übernehmen bei der Berliner Gewobag schon früh Verantwortung – und bekommen ordentlich Geld in die Hand. Ein halbes Jahr nach Ausbildungsbeginn renovieren sie zum ersten Mal eine Leerwohnung und bringen sie an den Mieter. 20.000 Euro Budget hatte dafür jeder Azubi des ersten Jahrgangs zur Verfügung. Inzwischen hat auch der zweite Jahrgang diesen Teil der projektorientierten Ausbildung abgeschlossen, allerdings mit einer leicht veränderten Aufgabenstellung.
Große und kleine Sonnenblumenaufkleber sind auf den dunkelgrünen Fliesen verteilt. Sie ranken sich in einem Bogen über der Ablage mit dem schwarzen Rand, über der einst ein Spiegel hing. Auf dem Boden ist eine kleine matt-graue Kachel verlegt. Ein Wohlfühlbad sieht heute anders aus. Wie, das durften die Auszubildenden der Gewobag Wohnungsbau-Aktiengesellschaft Berlin selbst entscheiden.
Etwa ein halbes Jahr nach Ausbildungsbeginn stand das Projekt „Design/Herrichten einer Leerwohnung“ auf dem Ausbildungsplan. Die fünf Azubis, die 2010 als erster Jahrgang im Rahmen der projektorientierten Ausbildung diese Aufgabe umsetzen sollten, erhielten klar formulierte Vorgaben: Zum 1. Juli 2010 sollte die Leerwohnung saniert und wieder vermietet sein. In den zweieinhalb Monaten zuvor hatten die Azubis viele Aufgaben zu lösen: eine Markt-, Zielgruppen- und Standortanalyse durchführen, die Objektbeschaffenheit und die Vermietbarkeit prüfen, die Miethöhe anpassen und die Sanierung planen. Der erste Jahrgang durfte dabei vom Gewobag-Standard abweichen, aber dabei nicht an den Mietern „vorbei sanieren“. Jeder Azubi hatte seine eigene Wohnung und ein Budget von 20.000 Euro.
Nicht alle Ideen sind umsetzbar
Doch wie vorgehen? Madeleine Rieck zum Beispiel erstellte einen Fragebogen. Sie interviewte ihre Freunde, was ihnen gut gefallen würde. Im Baumarkt schauten sich die Auszubildenden dann gemeinsam mit ihrem Betreuer Materialien an und führten auch eigene Recherchen durch. Danach holten sie Angebote ein. Es zeigte sich, dass selbst mit der zunächst sehr hoch wirkenden Summe von 20.000 Euro nicht alle Ideen umsetzbar waren. Marvin Kula überarbeitete sein Konzept noch einmal dahingehend, was auf jeden Fall nicht gestrichen werden konnte, z.B. die Überprüfung der Elektrik. Dafür musste er an den zunächst sehr teuren Fliesen sparen und sich für ein anderes Modell entscheiden. Rund zwei Drittel des Budgets wurde im Schnitt für die notwendigen Arbeiten, wie z.B. das Aufarbeiten von Fenstern und Türen, verbraucht.
Bei der Umsetzung hatten die Azubis einen Bauleiter als direkten Ansprechpartner, mussten aber auch selbst Kontakt zu den Handwerkern halten und deren Angebote prüfen. Bei Fragen oder Problemen konnten sie sich immer an ihre Ausbilder oder die eigenen Techniker wenden.
Während der etwa sechswöchigen Bauphase gab es immer wieder Verzögerungen, z.B. durch unvorhergesehene Mängel. Gleichzeitig besichtigten Mieter die Wohnungen, denen das Konzept erläutert wurde. Nach Abschluss der Sanierung mussten die Auszubildenden ihre Projektwohnungen den Ausbildern, der Ausbildungsleiterin und der Personalleiterin vorstellen. In vielen Fällen hatten sie sich für einen dunklen Boden entschieden. Die Wände blieben weiß. Individuelle Lösungen wurden für die Küchen gefunden und auch die Bäder wurden alle neu gefliest. Die grünen Kacheln mit den Sonnenblumen mussten weichen. Sie wurden durch große weiße Wandfliesen, durchzogen von einer zarten Mosaikbordüre, ersetzt. Auf dem Boden sind nun auch große schieferfarbene Kacheln verlegt.
In dem Projekt haben die Auszubildenden den Ablauf einer Wohnungssanierung einmal von A bis Z durchexerziert. „Ich kannte jede Zahl, jede Tapetenvariante für die Wohnung“, erinnert sich Kula. Auch mit den Abläufen im Unternehmen sind die Azubis nun viel besser vertraut. Ungläubige Nachfragen gab es mitunter von der Verwandtschaft, wenn sie von ihrem Projekt erzählten: „Das darfst du alles selber machen?“
Selbermachen ist die Devise
Doch genau das ist das Konzept: „Nur selber machen macht klug“, sagt Martina Heger, Personalleiterin der Gewobag. Sie will mit der projektorientierten Ausbildung vor allem erreichen, dem Nachwuchs die wesentlichen Werkzeuge an die Hand zu geben. „Sie lernen zu lernen“, sagt Heger. Die Azubis werden angeleitet, die richtigen Fragen zu stellen und nicht mit einer Konsumhaltung durch die Ausbildung zu gehen. Auch wenn mal nicht alles nach Plan läuft, entwickelten die Azubis eine Stärke, sich nicht demotivieren zu lassen, und lernten, mit schwierigen Situationen umzugehen. „Wir haben sehr zurückhaltende Auszubildende, die am Ende des Projekts ein ganz anderes Selbstverständnis entwickelt haben“, sagt Heger.
Aktuell hat die Gewobag 26 Auszubildende, davon 19 Immobilien- und drei Bürokaufleute sowie vier Studenten, die ein duale Studium absolvieren. In diesem Jahr hatten sie knapp 300 Bewerbungen für fünf Ausbildungsplätze und rund 200 für die vier Plätze des dualen Studium erhalten, so Ausbildungsleiterin Annette Keyler. Seit zwei Jahren führt die Gewobag intensiv Projekte in der Ausbildung durch, wie die Gestaltung der Leerwohnung.
Ausbildungsbeginn ist am 1. September eines Jahres. Bewerbungsschluss für die Ausbildungsplätze ist fünf Monate vorher, am 31. März des gleichen Jahres. Weitere Informationen unter: www.gewobag.de (Menü: Unternehmen – Ausbildung). Das Unternehmen bietet auch ein duales Bachelor-Studium an. Bewerbungsschluss ist jeweils der 30. November. Das Studium beginnt im folgenden Jahr zum 1. Oktober.
Im ersten Jahr habe der Design-Aspekt im Vordergrund gestanden, sagt Keyler, die in alle Azubi-Wohnungen „auch selber eingezogen“ wäre. Einige Ideen der Azubis sind denn auch in den regulären Gewobag-Standard mit aufgenommen wurden, wie z.B. ein neuer Bodenbelag. Der zweite Jahrgang sollte vor allem auf die Wirtschaftlichkeit achten. Das maximale Budget lag zwar wieder bei 20.000 Euro, aber die Fragestellung war leicht abgeändert. Es ging nun darum, was wirklich gemacht werden muss, um diese Wohnung wieder vermieten zu können. Dabei seien ebenfalls sehr ungewöhnliche Ideen herausgekommen, wie z.B. Gutscheine für einen Baumarkt und die Vereinbarung mit dem Mieter, selbst weitere Renovierungen durchzuführen, so Keyler. Die Azubis hätten dabei gelernt, mit den unterschiedlichen Aufgaben und Anforderungen umzugehen. Da sich die Arbeitswelt immer schneller verändere und Flexibilität immer wichtiger werde, sollte sie die Ausbildung darauf vorbereiten. „Wissen ist wichtig“, sagt Keyler. Aber es gehe auch darum, Handlungskompetenz in neuen Aufgabenfeldern zu vermitteln.
Projekte zum Rekrutieren nutzen
Die Design-Leerwohnung ist deswegen nicht das einzige Projekt der Gewobag-Azubis. Im zweiten Lehrjahr organisierten sie einen Tag der Bildung, bei dem sie den Ausbildungsberuf Immobilienkaufmann/-frau erläuterten und mit Schülern eine Wohnungsabnahme simuliert haben. Auch ihr Leerwohnungs-Projekt wurde vorgestellt, das in einem Flyer über die Ausbildung porträtiert wird. Die projektorientierte Ausbildung werde im Haus sehr unterstützt, sagt Heger. Auch für die Ausbilder war diese Form der Ausbildung eine Umstellung. Denn der Nachwuchs bekommt schon sehr früh viel Verantwortung übertragen und die Ausbilder sollen den Lernprozess, nicht den Arbeitsprozess, begleiten und organisieren. Die Ergebnisse bestätigen Hegers Kurs, denn ihre Azubis erzielten „sehr, sehr gute Ergebnisse“ bei den Abschlussprüfungen. Derzeit erarbeitet sie bereits neue Projekte. „Es ist mein Traum, dass die Azubis in Zukunft während ihrer Ausbildung von Projekt zu Projekt gehen.“