Yes, we can! We speak (D)englisch!
Willkommen in Deutschland. Die geografisch gute Lage in Europas Mitte beschert den Deutschen nicht nur viele Nachbarn, sondern auch Handelspartner. Als Exportnation sind die Teutonen auf der ganzen Welt unterwegs. Klar, dass nicht jeder unsere komplizierte Sprache mit den vier Fällen lernen kann, also sprechen wir Englisch. Das finden die Deutschen eh viel weltmännischer und die Jungen cool. Manchmal sitzen wir jedoch – sprachlich gesehen – „falschen Freunden“ auf und hin und wieder erfinden wir gleich neue Englisch klingende Worte. We speak denglisch. Do you underständ?

„Ich bin ein Berliner“, mit diesen Worten brachte der damalige US-Präsident John F. Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus 1963 das Lebensgefühl und die Hoffnung vieler Deutschen auf den Punkt. Fast 50 Jahre später steht Berlin wieder für ein ganz besonderes Lebensgefühl, das (junge) Menschen aus der ganzen Welt anzieht – und Investoren. Berlin ist hip (Englisch für angesagt)!
Im November 2011 zählte der Facebook-Auftritt der Hauptstadt mehr als eine Million Fans. Das ist Europarekord. Die Hipness (reines Denglisch) ist Berlins Kapital, was sie in einen englischsprachigen Marketing-Slogan verpackte: „be Berlin“. Das führte sogleich zu Diskussionen über den deutschen Sprachgebrauch. Der Slogan ist geblieben, der Internetauftritt eingedeutscht in www.sei.berlin.de. Aber es zeigt, wir Deutschen sprechen am liebsten Englisch, wenn wir cool sein wollen. Und das klappt meistens auch ganz gut.
Englisch in der Ausbildung
Denn wir lernen Englisch von Kindesbeinen an. Rund 700 zweisprachig, zumeist englischsprachige Kindergärten gibt es in Deutschland – und dort werden nicht nur die Kinder von Expatriates unterrichtet. In der Schule wird Englisch meist ab der fünften Klasse als Pflichtsprache gelehrt. Bis zum Abitur haben deutsche Schüler im Schnitt acht oder neun Jahre Englisch hinter sich.
Damit haben sie dann eine gute Basis, wenn sie sich in immobilienwirtschaftlichen Studiengängen immatrikulieren. Die tragen nicht selten englische Namen, wie Advanced Urbanism, Construction and Real Estate Management, Facility Management oder Real Estate Management + Construction Project Management. Auch die Fachliteratur ist häufig in englischer Sprache.
An so manch einer Hochschule ist ein Auslandssemester – meist im englischsprachigen Ausland – fester Bestandteil des Lehrplans, oder zumindest eine Option. Vorteil für die Studenten: Sie erhalten dadurch nicht selten zwei Abschlüsse, einen von der deutschen und einen von der ausländischen Hochschule.
Englischkenntnisse gefragt
Angesichts all dieser Möglichkeiten ist es nicht verwunderlich, dass die Studenten sagen: „Yes, we speak English!“ 99% der insgesamt 615 Studenten, die an der Joboffensive 2011 teilgenommen haben, sprechen nach eigener Einschätzung Englisch – und damit weit mehr als die zweithäufigst genannte Fremdsprache Französisch (37%). Die Joboffensive ist eine jährlich von der Immobilien Zeitung durchgeführte Arbeitsmarktumfrage (www.iz-jobs.de/joboffensive). Auch die Arbeitgeber schätzen Englischkenntnisse als Qualifikation: 76% der Arbeitgeber sehen sie als wichtig oder sehr wichtig bei der Einstellung von Young Professionals an.
Englische Titel
Wer erst einmal in den Job eingestiegen ist, hat große Chancen, eine englische Positionsbezeichnung auf seiner Visitenkarte zu finden: Property Manager, Asset Manager, Consultant oder Researcher sind noch die harmloseren Varianten. Valuation Expert, Risk Analyst und Graduation Surveyor schon ungewöhnlicher. Auch die hierarchische Ebene wird durch englische Begriffe nicht immer deutlicher. Steht der First Vice President wirklich über dem Geschäftsführer? Wenn man auch oft nicht weiß, was genau hinter einer solchen Berufsbezeichnung steckt, da bekanntlich auch ein einfacher Sachbearbeiter gerne sprachlich zum „Manager“ befördert wird, reflektiert das doch, dass Englisch fest zum immobilienwirtschaftlichen Geschäftsalltag gehört.
Aber wird die Sprache auch wirklich beherrscht? Denn Englisch funktioniert bereits recht gut, selbst mit bloßen Anfängerkenntnissen. Deswegen wird die eigene Sprachfähigkeit gern überschätzt. Tatsächlich ist diese Weltsprache mit ihrem sehr großen Wortschatz und damit sprachlichen Differenzierungsmöglichkeiten viel schwieriger in ihren Feinheiten zu beherrschen, als viele denken. Auch deshalb hört man gelegentlich die Klage, dass auf deutschen Hochschulen „Bad Simple English“ gesprochen wird (abgekürzt als BSE, deutsch für Mad Cow Disease). Diese Gefahr dürfte auch in deutschen Büros bestehen.
Doch auch im Deutschen schleichen sich nicht selten (kaum verdaute) englische Vokabeln und zunehmend auch englische Grammatik ein, sodass selbst die Muttersprache zum Kauderwelsch wird.
Falsche englische Freunde
Deutsch und Englisch sind verwandte Sprachen, und genau diese Ähnlichkeit führt oft zu kleinen, aber gemeinen Verwechslungen. Durch sie fällt verbale Weltläufigkeit schnell wieder auf ein denglisches Sprachniveau zurück. Und manchmal entscheidet ja nur ein einzelner Buchstabe über die Bedeutung: Dann rutscht schnell einmal ein „Ressort“ (Fach, Sparte) in den Namen einer Ferienanlage (resort). Oder es wird einem „falschen Freund“ aufgesessen und ein Unternehmer (entrepreneur, businessman) wird, allzu wörtlich übersetzt, zum „Under-Taker“, der im Englischen ein Leichenbestatter ist. Auch bei dem allseits üblichen Begriff „Objekt“ für das Wort Immobilie ist Vorsicht geraten: Im Englischen sollte nicht von object (Gegenstand, Artikel), sondern besser von „a property“ geredet werden.
Englische Höflichkeit
Zum Glück sind die Deutschen sehr gründlich und wollen alles ganz genau wissen. Deswegen schlagen sie Vokabeln und Fachbegriffe gerne nach – zur Not auch mehrmals. Mehr als 10.000 Exemplare sind bislang vom „Wörterbuch der Immobilienwirtschaft“ verkauft worden (s. Tipp). Das ist kein Zeichen für einen etwaigen Nachholbedarf, sondern vielmehr ein Beleg für die eher guten Englischkenntnisse der Branche. Denn ohne diese Kenntnisse lässt sich das Fachwörterbuch kaum sinnvoll im Beruf verwenden. Und wenn doch mal gar nichts stimmt, dann sind die Engländer zum Glück sehr höflich.