Ist der Personalabbau vorbei?
Die Wirtschaftskrise hat auch die Immobilienwirtschaft voll erwischt. Umstrukturierungen und Personalabbau auf allen Ebenen sind knapp ein Jahr nach dem Schnüren des Rettungspakets für die Hypo Real Estate kein Fremdwort mehr. In der diesjährigen Joboffensive wollten wir wissen, ob die Talsohle erreicht ist und der Personalabbau langsam sein Ende findet. Das Ergebnis: Personal halten lautet die Devise, nicht mehr es zu feuern. Bei den besonders expansiven Unternehmen, die traditionell an der Joboffensive teilnehmen, stehen teilweise auch Neueinstellungen auf der Agenda. Allerdings nur halb so viele wie im Vorjahr.
Im Dezember 2008 war die Verunsicherung in der Branche groß. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, lautete denn auch ein Satz, der in Gesprächen über die Finanzkrise immer wieder fiel. Die allgemeine Verunsicherung schlug alsbald in ein Bangen um den Arbeitsplatz um, als sich die wirtschaftliche Talfahrt in den Geschäftszahlen widerspiegelte. Mit einem Schlag schienen die Zeiten, in denen Unternehmen für fast jeden Preis neue Mitarbeiter rekrutierten, vorbei. Stattdessen stand bei vielen Personalabbau auf der Agenda. So hatte beispielsweise die BayernLB Ende 2008 verkündet, 5.600 ihrer weltweit 19.000 Stellen abbauen zu wollen. Doch längst waren nicht mehr nur die Finanzierer betroffen.
Auch DTZ Deutschland, Vivacon, die Aberdeen-Tochter Degi, die Deutsche Annington und Jones Lang LaSalle machten ihre Pläne zum Personalabbau im Frühjahr 2009 öffentlich. Besonders die transaktionsorientierten Bereiche waren vom Stellenabbau betroffen.
Kündigungswelle verliert an Kraft
Mittlerweile zeigen sich jedoch erste Hoffnungsschimmer. Für die nun stärker im Fokus stehenden Managementdienstleistungen wird Personal benötigt. Die große Kündigungswelle scheint langsam an Kraft zu verlieren. So verkündete JLL-Deutschland-Chef Andreas Quint Anfang Mai 2009, er erwarte bis Ende dieses Jahres „keinen weiteren signifikanten Abbau“ mehr. Auch die Ergebnisse der Joboffensive deuten in diese Richtung. Die Zeit des großen Kahlschlags ist in der Immobilienbranche vorbei, das lassen zumindest die Angaben der 94 an der diesjährigen Joboffensive teilnehmenden Unternehmen vermuten.
Während zum Zeitpunkt der Befragung im Mai/Juni knapp die Hälfte der befragten Personaler aktuell zwar noch einen Stellenabbau beobachtete, glauben nur noch 37% von ihnen, dass die Branche auch in den kommenden zwölf Monaten ihren Personalbestand verringern wird. 40% hingegen bewerten die Gegenwart und die Zukunft erstaunlich gelassen und rechnen mit einer unveränderten Beschäftigtenzahl. Es gibt auch Optimisten, die bereits jetzt einen Personalaufbau beobachten (6%), und 14% der Personalverantwortlichen gehen von weiteren Neueinstellungen in den kommenden zwölf Monaten aus. Wie schwer die Krise wiegt, wird also sehr unterschiedlich eingeschätzt.
Tatsache ist, dass bestimmte Branchensegmente bereits den Silberstreif am Horizont erkennen, während andere die Zukunft noch schwarzmalen.
Nach unseren Umfrageergebnissen gehen besonders viele Unternehmen aus den Bereichen Investment sowie Asset-Management/Vermögensverwaltung, die jeweils 10% der Umfrageteilnehmer stellen, aktuell von einem Personalabbau in der Branche aus. Mit einem Ausdünnen der Personaldecke in den nächsten zwölf Monaten rechnet dagegen jedes dritte Immobilienmanagement-Unternehmen, ein Segment, dem etwa 12% der teilnehmenden Unternehmen angehören. Sicherlich sind diese Angaben mit Vorbehalt zu betrachten, denn unter den 94 Unternehmen, die an unserer freiwilligen Umfrage teilnahmen, finden sich wahrscheinlich häufiger welche, die Personal suchen, als welche, die abbauen. Diejenigen, die sich verkleinern, dürften in diesem Jahr nicht mehr teilgenommen haben – so ließe sich der Rückgang von rund 200 Unternehmen 2008 auf nunmehr 94 in diesem Jahr erklären. Ob der Sturm also tatsächlich schon vorbei ist, lässt sich deswegen nicht eindeutig sagen.
Umfragen zum Stellenabbau mit unterschiedlichen Ergebnissen
Auch die verschiedenen Umfragen und Einschätzungen aus den vergangenen Monaten liefern kein einheitliches Bild. So prophezeite der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA) im Februar 2009, dass die Krise noch mindestens bis Ende des Jahres in der Immobilienwirtschaft spürbar sein werde. Ähnlich war der Tenor in einer Markteinschätzung der Expo Real vom April 2009. Da gaben die befragten Unternehmen an, dass die Talsohle noch nicht erreicht sei und sie nicht damit rechneten, dass die wirtschaftliche Entwicklung 2009 wieder Fahrt aufnimmt. In einer Sonderauswertung des King-Sturge-Immobilienkonjunktur-Index vom März 2009 wird die Personalentwicklung jedoch verhältnismäßig besser eingeschätzt als die Performance von Umsatz und konjunktureller Lage. Hatten die befragten Unternehmen im Februar 2008 noch mit einer expansiven Personalpolitik gerechnet, so erwarteten die Unternehmen im Januar 2009 auch nur in Härtefällen eine konsolidierende Personalpolitik. Anders die Ergebnisse der Expo-Real-Markteinschätzung: Die dort befragten Unternehmen glauben, dass die Krise zu Personalabbau führt. So weit die Einschätzungen für die Entwicklung in der Branche insgesamt.
Teilnehmer der Joboffensive müssen weniger entlassen
Zu ihrer eigenen Personalpolitik im Unternehmen befragt, fallen die Einschätzungen der Teilnehmer an der Joboffensive 2009 deutlich positiver aus. Während knapp die Hälfte der Teilnehmer aktuell Personalabbau in der Branche beobachtet, reduzieren nur 5% der Unternehmen ihr eigenes Personal. Entlassungen gibt es also vor allem bei anderen Unternehmen. Auch in den vergangenen zwölf Monaten hat nur knapp jedes sechste Unternehmen nach eigenen Angaben bislang Personal abgebaut, und bis zum Sommer 2010 will sogar nur jedes 33. seinen Mitarbeiterstamm reduzieren.
Dagegen geben 29% der Unternehmen an, aktuell auf Personalsuche zu sein, und rund ein Drittel planen, sich bis zum Frühsommer 2010 zu vergrößern. Im Schnitt beschäftigen die 94 Unternehmen 280 Angestellte. Dieser Wert wird jedoch durch einzelne Großunternehmen erreicht. Tatsächlich sind in fast 60% der Unternehmen nicht mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigt. Doch die Spuren der Krise offenbaren sich auch bei dieser Zahl, wenn man einen Blick auf die Unternehmensprognosen der zurückliegenden sieben Jahre wirft: Noch nie wollte nur ein Drittel der Unternehmen sich personell vergrößern. Für gewöhnlich war die Quote immer deutlich höher gewesen.
Die Devise: Mitarbeiter halten
So stark wie der Personalaufbau zurückgegangen ist, ist aber zum Glück nicht der Personalabbau geplant. Den wollen nur 3% der Unternehmen vorantreiben. Im vergangenen Jahr hatten das ebenfalls 2% (!) der Unternehmen geplant, während zum Beispiel im Jahr 2003 sogar 7% der Unternehmen angaben, ihren Mitarbeiterstamm verringern zu wollen. Personalabbau steht also nicht oben auf der Agenda, aber Personalaufbau auch nicht. Folglich will mehr als die Hälfte der Unternehmen seinen Mitarbeiterstamm in den nächsten zwölf Monaten nicht verändern – mehr als je zuvor. Damit überwiegt die Option „Halten“ erst zum zweiten Mal seit 2002 gegenüber der Option „Aufbau“.
Rund ein Drittel suchen weiterhin Personal
Wer hat abgebaut und wer will aufbauen? In den vergangenen zwölf Monaten gaben knapp ein Drittel der Asset-Manager/Vermögensverwalter sowie der Immobilienvermittler an, ihr Personal reduziert zu haben, gleichzeitig haben aber auch 44% bzw. 50% von ihnen neue Mitarbeiter eingestellt. Die Reaktion auf die Krise hängt also sehr stark vom einzelnen Unternehmen selbst ab und nicht nur von dem Segment, in dem es tätig ist.
Doch die Zukunft sieht besser aus. Denn bis zum Frühsommer 2010 will rund ein Drittel der Unternehmen wieder Personal einstellen: 55% der FM-Unternehmen und knapp die Hälfte der Immobilien-Dienstleister geben an, ihr Personal erweitern zu wollen. Aber auch jeweils rund ein Drittel der Unternehmen aus den Bereichen Entwicklung/Planung/Bau, Immobilienmanagement/Verwaltung und Immobilienvermittlung planen Personalaufbau.
Geschätzter Personalbedarf hat sich gegenüber 2008 halbiert
Insgesamt schätzen die Unternehmen ihren konkreten Personalbedarf innerhalb der nächsten sechs Monate auf 354 neue Mitarbeiter. In der Krise sind besonders berufserfahrene Mitarbeiter (59%) gefragt, gefolgt von Berufseinsteigern (30%) und Führungskräften (11%). Für Absolventen lohnt es sich, bei den FM-Unternehmen anzuklopfen. Sie melden im Schnitt 3,7 Stellen je Unternehmen. Insgesamt hat sich jedoch im Vergleich mit dem Vorjahr der geschätzte Personalbedarf halbiert! Wird der Bedarf auf die Gesamtzahl der Unternehmen bezogen, so ergibt sich nur ein Wert von 4,85 Stellen pro Unternehmen im Vergleich zu noch 9,25 im Jahr 2008.
Personal durch Weiterbildung und Aufstiegsmöglichkeiten halten
Für die Mehrheit der Unternehmen steht in diesen nicht einfachen Zeiten also Personal Halten ganz oben auf der Agenda. Um das zu erreichen, setzen die Unternehmen nach eigenen Aussagen vor allem auf Weiterbildungsangebote und Aufstiegsmöglichkeiten im Unternehmen. Damit reagieren die Immobilienunternehmen nicht anders als Großunternehmen weltweit, wie die Studie „War for talents“ des Jobportals StepStone zeigt: Um bestehende Mitarbeiter zu halten, setzen viele der Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 1 Mrd. USD zukünftig auf eine Verbesserung ihrer Weiterbildungsangebote (47%) sowie auf den Ausbau der internen Aufstiegsmöglichkeiten (58%). Ob diese für die Mitarbeiter erfreulichen Ziele jedoch auch umgesetzt werden, dürfte fraglich sein.
Die StepStone-Studie zeigt zudem, dass eine hohe Vergütung bei der Mitarbeitergewinnung und Mitarbeiterbindung eine immer weniger wichtige Rolle spielt. So gaben 58% der befragten Führungskräfte an, dass in den nächsten drei Jahren flexible Arbeitsbedingungen entscheidend sein werden, um gute Mitarbeiter zu überzeugen. 50% wollen zudem verstärkt Absolventen und 33% ältere Mitarbeiter rekrutieren.
Boni bleiben wichtig bei der Mitarbeiterbindung
Anders hier die Ergebnisse unserer Umfrage: Demnach spielen Gehaltsergänzungen durch Firmenwagen und Boni bei 76% der Unternehmen eine wichtige Rolle, während Teilzeitvereinbarungen erst an fünfter Stelle und nur von 47% der Unternehmen genannt werden. Gleitzeit und Home-Office-Möglichkeiten sind sogar nur bei rund einem Drittel der Befragten wichtig für die Mitarbeiterbindung. Alles hat sich durch die Krise also nicht verändert. (sma)
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