Azubis wechselndie Perspektive
Workshop. Am EBZ in Bochum hat sich das jährliche Klima Camp zu einer festen Jahrestagung für Auszubildende entwickelt. Input aus Theorie und Praxis gibt es dort inzwischen nicht nur von Dozenten, sondern auch von ehemaligen Studenten. Die Teilnehmer können so ein Netzwerk aufbauen.
Klimaschutz kostet Geld. Das wissen die 43 Auszubildenden, die am fünften Klima Camp am Europäischen Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (EBZ) in Bochum teilnahmen. In Workshops und Gruppenarbeiten untersuchten sie vier Tage lang nicht nur Maßnahmen zur CO2-Reduzierung durch verschiedene Energieträger, sondern stellten vor allem die Frage nach sozialen und wirtschaftlichen Folgen von Klimaanpassungen für die Wohnungswirtschaft und Mieter in den Vordergrund. Input dafür bekamen sie von Lehrenden des EBZ, von Gastrednern in Podiumsdiskussionen sowie bei Unternehmensbesuchen. In praktischen Übungen erarbeiteten sie sich zudem eigene Ideen.
Denn einfach fertige Lösungen wollten die Veranstalter den Nachwuchskräften nicht mit auf den Weg geben. „Wir wollen ihnen vielmehr zeigen, wie eng ökologische, soziale und wirtschaftliche Fragen miteinander verbunden sind“, sagt Philip Engelhardt, Professor für Gebäudeenergietechnik und Wärmeversorgung an der EBZ Business School und wissenschaftlicher Leiter des Klima Camps. Die jungen Teilnehmer sollen lernen, Zielkonflikte zu erkennen und selbst Lösungswege zu entwickeln, die sie dann in ihre Ausbildungsbetriebe hineintragen.
Damit das gelingt, setzt das EBZ auf Teilnehmer aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern. Die Gruppe setzte sich in diesem Jahr zwar überwiegend aus angehenden Immobilienkaufleuten zusammen, aber auch Auszubildende aus handwerklichen Berufen wie Elektro- oder Anlagenmechanik kamen hinzu. Sie sollten ihre unterschiedlichen Perspektiven in die Workshops einbringen. Durch den Austausch über Gewerke hinweg sollten die jungen Teilnehmer lernen, alle Akteure in der Branche mitzudenken und enger zusammenzuarbeiten. Ein Auszubildender aus dem Elektrohandwerk berichtete beispielsweise, dass er und seine Kollegen sich oft nur als ausführende Kraft wahrgenommen fühlen und in der Branche stärker in Entscheidungen eingebunden werden wollen.
In den Workshops konnte er seine eigene Expertise dann unter Beweis stellen. Und auch aus Mietersicht wollten die Campteilnehmer unterschiedliche Bedürfnisse erkennen, um die Nutzer von Wohngebäuden besser zu verstehen. Diese erarbeiteten Ansichten bildeten die Grundlage für ein Quartierskonzept, das sie im Camp entwickelten. Mit Blick auf das übergeordnete Thema der Veranstaltung befassten sie sich dabei auch mit möglichen Entsiegelungen, Verschattung, Biodiversität, energetischen Sanierungen, Photovoltaik, Mieterstrom und sozialen Angeboten. Bei einem Geländerundgang nahmen sie auch den EBZ-Campus selbst unter die Lupe und suchten nach Stellen, an denen Begrünung oder Photovoltaik sinnvoll eingesetzt werden könnten.
Dass solche Maßnahmen im echten Berufsleben jedoch komplexer sind und weniger leicht umgesetzt werden können, sobald mehrere Gewerke aufeinandertreffen, zeigten Exkursionen zu nahegelegenen Unternehmen. Beim Kompetenzzentrum Neue Effizienz in Wuppertal standen nachhaltige Mobilität, Energie- und Wärmewende sowie Kreislaufwirtschaft im Quartier auf dem Programm. In Hattingen gab es bei der dortigen Wohnungsbaugesellschaft HWG Input zu seriellen Sanierungen mit vorgefertigten Fassadenelementen, Holzbau und Photovoltaik im Bestand und deren Grenzen. Die Einladung dafür kam von Fabian Kohlmann, der bei der HWG für Energiekonzepte und Gebäudeoptimierung zuständig ist. Er ist selbst früherer EBZ-Student und will über das Klima Camp seine Expertise mit Berufseinsteigern teilen.
Netzwerkaufbau über die Veranstaltung hinaus
Nicht nur durch sein Angebot hat sich das Klima Camp seit seiner ersten Auflage vor rund fünf Jahren weiterentwickelt. Während im ersten Jahr noch Schüler aus Oberstufenklassen an den Treffen teilnahmen, um einen Einblick in die Wohnungswirtschaft als Berufsfeld zu bekommen, reisen inzwischen Auszubildende aus ganz Deutschland an, um Wissen für den eigenen Berufsalltag zu sammeln. Neben Methoden zur Ideenfindung und dem Hineinversetzen in andere Sichtweisen steht bei ihnen auch der Aufbau eines beruflichen Netzwerks auf der Agenda. Sie wollen auch nach den Kurstagen miteinander in Kontakt bleiben und sich weiter austauschen. Umgekehrt wollen die Veranstalter ihr Feedback nutzen, um das Camp als Veranstaltung auch fachlich weiterzuentwickeln. Die nächste Auflage für 2027 ist bereits in Planung.