HfWU fördert begabte und engagierte Studenten
Mit dem Thema Begabtenförderung verbindet man nicht unbedingt Angebote staatlicher Hochschulen. Dass das ein Denkfehler ist, zeigt der Campus of Real Estate (CoRE) an der HfWU Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen mit seinem Honours Course. Seit dem Sommersemester 2011 gibt es dort für besonders begabte und engagierte Studenten ein Förderprogramm.
Die Ziele des Honours Course sind hoch gesteckt: Die Qualität der Lehre soll im Spitzenbereich verbessert, Talente sollen gezielt gefördert sowie die Motivation der sehr guten Studenten soll erhöht werden. Um dies zu erreichen, bietet das Programm fachliche und außerfachliche Vorträge und Veranstaltungen sowie eine individuelle Betreuung. Begründer des Honours Course ist Dr. Carsten Lausberg. Der Professor für Immobilien-Banking ist seit 2007 an der HfWU tätig und hat ähnliche Angebote während seiner Studienzeit in Texas kennengelernt. Als er sich gefragt hat, wie er das Studium in Geislingen gestalten möchte, ist er auf die Idee mit der Begabtenförderung gekommen. „Es gibt vonseiten der Hochschule viele Angebote für die Förderung von schwächeren Studenten, beispielsweise eine Schreibwerkstatt oder Tutorien“, sagt Lausberg. „Ich denke, die Hochschule sollte auch etwas für die Leistungsstarken anbieten.“
Die besten und engagiertesten 5% der Immobilien-Studenten will Lausberg in seinem Kurs versammeln. Aktuell sind das 29 Teilnehmer, darunter elf Frauen. Die Mehrheit ist in dem Bachelorstudiengang Immobilienwirtschaft eingeschrieben. Doch es gibt auch Teilnehmer aus dem neuen Masterstudiengang Immobilienmanagement (siehe Kastentext „Neue Masterstudiengänge mit sechs verschiedenen Schwerpunktfächern“ weiter unten) sowie fünf Ehemalige. Die Alumni dürfen auch zu den Veranstaltungen kommen – und können so zu wichtigen Brückenbauern für ihre Ex- Kommilitonen werden.
Betreuung durch Mentoren
Die Vernetzung und Betreuung der Teilnehmer ist eine wichtige Säule des Programms. Jeder bekommt einen Mentor innerhalb der Hochschule zugewiesen. Zudem sei es das Ziel, dass jeder auch einen Alumnus außerhalb als Ansprechpartner zugewiesen bekommt, sagt Lausberg. Mit rund 700 Absolventen des Bachelor-Studiengangs Immobilienwirtschaft dürfte die HfWU über eines der größten immobilienwirtschaftlichen Alumni-Netzwerke in Deutschland verfügen. Seit 2006 gibt es den sieben Semester umfassenden Bachelor-Studiengang, mit dem die HfWU beim IZ-Hochschulranking regelmäßig punkten konnte: 2011 belegte sie den ersten sowie in den Jahren 2009 und 2010 jeweils den zweiten Platz. Doch die Wurzeln der immobilienwirtschaftlichen Ausbildung reichen bis 1983 zurück. Damals wurde an der ehemaligen FH Nürtingen BWL mit der Vertiefungsrichtung Immobilienwirtschaft erstmals angeboten, ein eigenständiger Diplomstudiengang Immobilienwirtschaft wurde 1998 begründet.
Bei der Betreuung erweist sich der Standortnachteil Geislingen an der Steige – klein und dezentral gelegen – als Vorteil: In der 27.000 Einwohner zählenden Kleinstadt sind die Wege kurz – auch die zwischen Lehrkörper und Studentenschaft. „Der Kontakt ist sehr familiär“, sagt Alumnus Felix Kröll und erntet Zustimmung von seinen Kommilitonen. Nach Angaben der Hochschule beträgt die Quote von Lehrenden zu Studenten 1:20. Aktuell zähle die Immobilienwirtschaft rund 500 Studenten, die von 14 Professoren sowie mehr als 30 Lehrbeauftragten und weiteren Gastprofessoren unterrichtet werden.
Abwechslungsreiches Programm
Für die Honours-Course-Teilnehmer gibt es zudem weitere Referenten. Vorträge zum Supply-Chain-Management oder zum Guerilla-Marketing standen schon auf dem Programm. Die Studenten nahmen aber auch schon an einem Life-Style-Knigge inklusive Weinverkostung teil oder absolvierten ein Teamtraining im Allgäu. Dort mussten sie eine Seilbahn über einer kleinen Schlucht errichten und sich darüber abseilen. Anschließend besuchte die Gruppe Deloitte, den letztjährigen Exklusiv-Partner des Programms, und bearbeitete zwei Fallstudien. In diesem Wintersemester sind außerdem noch ein Rhetorik-Seminar und eine Exkursion nach Frankfurt geplant. Durch das Programm seien viele Freundschaften und ein Netzwerk entstanden, sagt Student Sven Gruber.
Bewerben müssen sich die Studenten mit Motivationsschreiben, Lebenslauf und Zeugnissen. Doch neben den Studienleistungen bewertet die Auswahlkommission auch das Engagement in und außerhalb der Hochschule. Die Mitglieder leiten u.a. die Jugendorganisation des Lions Club, arbeiten im Rettungsdienst, als Trainer in Sportvereinen, haben Auslandssemester absolviert oder die Leitung von Tutorien an der Hochschule übernommen. In einer Gruppendiskussion, z.B. zur Einführung von eBooks in der Hochschulbibliothek, sowie zwei Einzelgesprächen mit der Auswahlkommission müssen sie sich außerdem beweisen. Der Auswahlkommission gehören neben Lehrkräften u.a. auch ein Student sowie Alumni an. Wirken die Zugangshürden abschreckend? Studentinnen bewerben sich jedenfalls seltener als Studenten, hat Teilnehmerin Anke Müller beobachtet.
Mit einer Semesterwochenstunde ist der Honours Course veranschlagt, doch ECTS-Kreditpunkte erhalten die Studenten für ihr zusätzliches Engagement nicht. Die Teilnahme am Programm wird aber im Abschlusszeugnis vermerkt und es soll eine eigene Urkundenverleihung geben. Zudem erscheinen die Kurzlebensläufe der Mitglieder im Résumé Book. Das Buch wird auf dem Career Day, der jährlich stattfindenden CoRE-Jobmesse, an Unternehmen verteilt und hat einer Teilnehmerin bereits den Weg zum Praktikum und später zum Traineeship geebnet.
Lausberg ist es wichtig, dass sich die Studenten im Honours Course stark einbringen, und so sind Themenvorschläge immer willkommen. Sven Kersten hat sich eine Veranstaltung zum innerstädtischen Einzelhandel gewünscht: Zum Gespräch in die Hochschule sind an jenem Nachmittag um fünf Uhr der Architekt des lokalen Einkaufszentrums Nel Mezzo, Klaus von Bock, und der Fachbereichsleiter vom Stadtbauamt Geislingen, Karl Vogelmann, gekommen. Sie erzählen, welche Höhen und Tiefen es beim Bau des 13.000 m² großen Objekts an der Bahnhofstraße gab, berichten über Parkplatzberechnungen, Ankermieter, Lärmschutz, Nachbarn, Sondergenehmigungen, die öffentliche Meinung, den Wahlkampf und, und, und. Abschließend besichtigt die Gruppe, der sich auch mehrere Professoren angeschlossen haben, das Objekt. Von Block zeigt vor Ort, was vom Plan übrig blieb – und wo die Mieter auch mal abgewichen sind, sehr zum Leidwesen des Architekten. Die Gruppe geht zur Begehung zu Fuß – die Wege in Geislingen sind kurz.