← Zurück zur Übersicht

"Meine Hauptsorge ist, dass die Lehre nicht interdisziplinär bleibt"

Bildungswege. Im Juni feierte Karl-Werner Schulte 80. Geburtstag. Sein Alltag ist noch immer geprägt von immobilienwirtschaftlichen Studiengängen und ihrer Entwicklung. Und von seinen Reisen in mehr als 200 Länder, die ihn beruflich und in seiner Lehre inspiriert haben.

Janina Stadel
09. Juli 2026
Karl-Werner Schulte etablierte die Immobilienökonomie als wissenschaftliches Fachgebiet an deutschen Hochschulen.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheberin: Janina Stadel

Immobilien Zeitung: Herr Schulte, Sie waren der Begründer des Studiengangs zum Immobilienökonom. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Karl-Werner Schulte: Das passierte durch Zufall während meiner Zeit bei der EBS am Lehrstuhl für Investition und Finanzierung. Es muss im Jahr 1989 oder 1990 gewesen sein. Ich arbeitete gerade an einem Skript für ein Seminar, als das Telefon klingelte und ich zu einer immobilienwirtschaftlichen Konferenz eingeladen wurde. Dabei hatte ich damals nichts mit Immobilien zu tun. Ich bin trotzdem hingegangen und habe schnell bemerkt, dass sich viele aus der Branche darüber beklagt haben, dass es keinen spezifischen Immobilienstudiengang in Deutschland gibt und die Themen auch im BWL-Studium nicht behandelt werden.

IZ: Warum war das Thema damals so stark?

Schulte: Es drängten sich zu der Zeit viele Chartered Surveyors auf den deutschen Markt, die alle ein abgeschlossenes Immobilienstudium hinter sich hatten und bestens ausgebildet waren. Bei uns hingegen herrschte ein Nachwuchsproblem. Die Branche war kaum bekannt und fast niemand entschied sich für einen Einstieg in diese Richtung.

IZ: Wie haben Sie die Inhalte für den neuen Studiengang gefunden?

Schulte: Ich habe bestimmt 40 oder 50 Leute aus der Branche direkt angesprochen und so nicht zuletzt auch Dozenten und Studenten gefunden. Es entwickelte sich ein Konzept, das auf den Fachdisziplinen BWL, Volkswirtschaftslehre, Rechtswissenschaften, Stadtplanung, Architektur und Ingenieurwesen fußte. Dieses Grundprinzip gilt im Studiengang bis heute. Wir entwickelten außerdem einen Zeitplan, der 500 Unterrichtsstunden an 60 Tagen ermöglichte und durch die Terminlegung mit den Boom-Zeiten der Branche vereinbar war. Das ermöglichte von Anfang an das berufsbegleitende Studieren.

IZ: Die Themenbreite im Studiengang ist bis heute vorhanden. Daran hat sich nichts geändert?

Schulte: Der vielschichtige und interdisziplinäre Ansatz war es, was zu Beginn meines Schaffens von der Branche so sehr geschätzt wurde. Wenn wir die Entstehung einer Immobilie von der ersten Planung über den Bau bis zum Abriss sehen, fallen 90% ihrer Kosten auf die Nutzungsphase. Wir brauchen deshalb in der Immobilienwirtschaft Fachleute, die schon bei der Planung auch den Bau und Dinge wie das spätere Facility-Management mitdenken. Allein schon dadurch, dass man im gemeinsamen Studium früh sehen kann, wie Akteure aus unterschiedlichen Disziplinen denken, kann man sie später besser verstehen.

IZ: Und das gilt bis heute?

Schulte: Ich sehe es mit großem Bedenken, dass Studiengänge zunehmend spezialisiert werden. Vor allem Bachelorstudiengänge müssen breit gefächert sein, denn Spezialisierungen können sich ändern. Gerade heutzutage entwickeln sich Themengebiete sehr schnell, und nur mit einer breiten Basis kann man flexibel bleiben. Und nicht zuletzt sollte man breit beginnen, um überhaupt erst herauszufinden, was einen wirklich interessiert. Zum Beginn des Studiums ist das vielen nämlich noch gar nicht klar.

IZ: Wie waren Sie selbst als Schüler und als Student?

Schulte: In meinem Abiturjahrgang und somit auch später an der Uni war ich immer der Jüngste. Ich war schüchtern, und als durchschnittlicher Schüler lag ein BWL-Studium für mich nahe. Ich habe mich für die Uni Münster entschieden, weil sie nahe an meinem Heimatort Warstein lag. Dort kam ich in Kontakt mit einer Studentenverbindung. Als ich im Alter von 23 Jahren von der Gruppe zum Senior ernannt wurde, habe ich meine Schüchternheit abgelegt und Führungsqualitäten entwickelt. Dafür bin ich bis heute dankbar und deshalb noch immer Mitglied.

IZ: In der Lehre waren sie nicht nur in Deutschland aktiv, sondern vor allem auch in Afrika.

Schulte: Von 2000 bis 2001 habe ich als Präsident der International Real Estate Society alle Jahreskonferenzen der Regional Societies besucht, darunter auch der African Real Estate Society in Arusha, Tansania. Später hat man mir die Aufgabe übertragen, dortige Studiengänge zu überprüfen. Sie hatten kaum betriebswirtschaftliche Grundlagen, und ich habe sie fünf Jahre lang überarbeitet. Später dann auch an einer Hochschule in Namibia.

IZ: Was unterscheidet die dortigen Lehrinhalte von unseren?

Schulte: Zuerst mal war ich schon bei meinem ersten Besuch wahnsinnig beeindruckt davon, mit wie viel Leidenschaft bei afrikanischen Fachkonferenzen immobilienwirtschaftliche Fragen diskutiert werden. Aber ja, auch die Themen sind natürlich anders, denn das Grundproblem dort ist, dass viele Leute überhaupt gar kein Dach über dem Kopf haben.

IZ: Wie ergänzen sich diese Fragestellungen mit denen in Deutschland?

Schulte: Die Slumproblematik in Afrika liegt nah am Thema bezahlbares Wohnen, nur eben in einer speziellen und extremen Ausprägung. Wir können von den Afrikanern lernen, in puncto Housing wieder zu den einfachen Dingen zurückzukehren, etwa wenn es um Bauweisen geht.

IZ: Unter anderem über ein Stipendienprogramm haben Sie auch Möglichkeiten geschaffen, dass Doktoranden aus Afrika ihren Abschluss in Deutschland machen, aber auch Studenten der Irebs semesterweise den Kontinent wechseln können. Was bringt dieser Austausch?

Schulte: Studierende aus Deutschland, die nach einem halben Jahr aus Afrika zurückkehren, sind beeindruckt von der Entwicklungsgeschwindigkeit in diesen Ländern und den Chancen, die sich dort am Immobilienmarkt bieten. Es gibt in Afrika hauptsächlich staatliche Wohnungsbaugesellschaften und wenig private Initiative. Das wirft bei den Deutschen die Frage auf, ob es sich lohnt, in den großen Städten von Afrika zu investieren.

IZ: Das klingt aber risikoreich.

Schulte: So sieht es aus und ist es, und der Deutsche ist im Allgemeinen wenig risikobereit. Niemand will sein Geld verlieren, aber es gibt ein Gebiet, in dem man keine großen Summen in die Hand nehmen muss, um ein Geschäft zu starten: das Facility-Management. In Afrika gibt es einige boomende Städte mit viel Neubau, aber nur wenige, die sich um die Bestandsgebäude kümmern. Deshalb ist das Angebot dort dringend notwendig. Zu diesem Thema hatte ich schon einige Masterarbeiten auf dem Schreibtisch.

IZ: Also lernen auch die Lehrenden noch dazu, wenn sie sich auf einen Austausch einlassen?

Schulte: Auf jeden Fall. Genauso auch durch die Breite in der Lehre. Weil kein Dozent jedes Fachgebiet abdecken kann, entsteht ein Austausch und Zusammenarbeit. Gleiches gilt für Veröffentlichungen. Nur wenn die Fachliteratur interdisziplinäre Themen aufgreift, kann eine Verengung der Forschung verhindert werden.

IZ: Und auch bei Ihnen kommt selbst jetzt mit 80 noch keine Ruhe rein. Nicht zuletzt arbeiten Sie weiter an Fachbüchern. Kommt die Freizeit da nicht zu kurz?

Schulte: Ich hatte schon immer Hobbys. Als Erinnerung an unsere Hochzeitsreise haben meine Frau und ich zum Beispiel angefangen, historische Landkarten von Island zu sammeln. Daraus wurde im Laufe der Jahre die größte Sammlung dieser Art weltweit. Ich habe alle katalogisiert und ein ganzes Buch darüber geschrieben. Nun ist die Sammlung an ein isländisches Museum übergegangen. Ich kann auch wirklich jedem nur raten, sich während seiner aktiven beruflichen Zeit um Hobbys zu kümmern, auch wenn man sie noch nicht mit ganzer Power ausleben kann. Aber man hat etwas, auf das man sich später freuen kann, und läuft nicht Gefahr, dass Langeweile aufkommt.

IZ: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Janina Stadel.

Der Erfinder des Immo-Studiums

1990 gründeten Karl-Werner Schulte und seine Frau Gisela die EBS Immobilienakademie in Oestrich-Winkel. Als Geschäftsführerin verantwortete sie den administrativen Bereich, ihr Mann den wissenschaftlichen. Mit der Einführung des Bachelor-Master-Systems an deutschen Hochschulen brachte Schulte seine Lehre an die Uni Regensburg, wo er die Irebs aufbaute und bis zum Eintritt in den Ruhestand 2011 als Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter führte. An seinem damaligen Konzept einer fachbereichsübergreifenden Ausbildung hält er bis heute fest.

Janina Stadel

Köpfe
Arrow Capital Partners ernennt Sigrid Mirus zur Leiterin Bau Deutschland

Arrow Capital Partners, ein international tätiger Immobilienentwickler und -investor, hat Sigrid Mirus zur Head of Construction für Deutschland berufen.

Köpfe
Eichhorn übernimmt Easy-Apotheken in Mühltal und Dieburg

Cora Eichhorn übernimmt die Easy-Apotheke in Nieder-Ramstadt und die Filiale in Dieburg. Das berichtet das Darmstädter Echo.

Karriere
EBZ Business School startet Studiengang International Real Estate

Die Bochumer EBZ Business School bietet ab dem Wintersemester den Bachelorstudiengang International Real Estate an. Er enthält ein integriertes Auslandssemester.

Aktuelle Top-Jobs

Alle Jobs anzeigen